Schottland ist wie Bayern – nur krasser.

Ende des vergangenen Jahres verschlug es mich nach Schottland, zum Studieren. Zwei Semester lang Dudelsack, Whisky und Haggis. Möglich macht das die EU, Stichwort Erasmus. Doch seit dem Brexit-Referndum vor sieben Monaten sieht sich Schottland als Opfer einer englisch-konservativen Politik und fürchtet um seinen Ruf als weltoffenes Land. England und Schottland haben nicht zum ersten Mal Meinungsverschiedenheiten. Die Länder sind schlicht zwei paar Schuhe – seit jeher. Eine Kolumne.


In den Pubs hört man die Einheimischen immer noch über den Brexit diskutieren. Die Stimmung im Land ist nachwievor pro-europäisch. Viele Menschen wollen sich nicht damit abfinden, von England aus der EU gevotet worden zu sein. Ausgerechnet England, mit dem man zwar ein Vereinigtes Königreich bildet, doch sonst relativ wenige Gemeinsamkeiten hat. Geschichtlich, geographisch, kulturell und sprachlich stoßen hier, wenn man so will, zwei Welten aufeinander.

Politische Teilunabhängigkeit
Die, sagen wir mal, latent angespannte Beziehung zwischen beiden Ländern reicht zurück bis ins graue Mittelalter. Damals konnte Schottland sogar ein paar Schlachten gegen England gewinnen. Freiheitskämpfer wie Robert the Bruce werden heute als Nationalhelden verehrt und auf Geldscheine gedruckt. Trotz leidenschaftlich kämpfender Schotten erlangte England schließlich die Oberhand und die Kronen beider Länder wurden 1603 vereinigt. Der Wunsch nach Unabhängigkeit Schottlands bleibt bis heute präsent. Wir erinnern uns an das Unabhängigkeitsreferndum 2012, das nur knapp scheiterte.

In Edinburgh befindet sich heute das schottische Parlament (Holyrood), das teilweise unabhängig vom englischen (Westminster) agieren kann. Zum Beispiel können Gesetze im Gesundheitssystem und in der Bildung entschieden werden, die dann nur für Schottland gelten. Politisch betrachtet ist Schottland also schon teilweise unabhängig vom großen Bruder. England hat 55 Millionen Einwohner, Schottland nur rund 5 Millionen. Flächenmäßig liegen sie aber fast gleich auf. Ein Blick auf die Landkarte macht deutlich, warum das so ist: Schottland besteht zu großen Teilen aus einsamen Berglandschaften (Highlands) und unzähligen Inseln (Islands). Diese Regionen sind teils schwer zugänglich und dünn besiedelt. 70 Prozent der Schotten leben im Central Belt, einem urbanen Ballungsgebiet, das sich von West nach Ost erstreckt. Hier liegen auch die beiden größten Städte: Glasgow und Edinburgh.

Sprachgrenzen
Dort spricht man Englisch, vor allem in der working class und in ländlichen Gegenden hört man aber auch Scots. Die Varität ähnelt dem Englischen, wird aber auch gerne mal als eigene Sprache bezeichnet. So oder so ist Scots ein wichtiger Identitätsstifter und eine linguistische Grenzlinie zwischen Schottland und England. Als Neuling ist man verzückt vom eigensinnigen Klang dieser Sprache. Man hört sich rein und nach einiger Zeit kennt man die wichtigsten Wörter und Wendungen: aye heißt ja, I dinnae ken bedeutet Ich weiß nicht und dreich bezeichnet graues Wetter (zumindest eine Gemeinsamkeit mit England). Irgendwann ertappt man sich selbst dabei, wie man zu jedem Anlass cheers sagt. Danke, bitte, tschüss, prost… ein Wort mit großem Bedeutungshorizont. Und dann spricht man in Schottland auch noch Gällisch. Doch dazu später mehr.

Mittlerweile würde ich nicht mehr „England“ sagen und die damit gleichzeitig auch Schottland meinen. Denn obwohl sie oberfälich – also politisch und geographisch – eine Einheit bilden, sind die beiden Länder grundverschieden – zwei paar Schuhe eben. So wie Bayern und Restdeutschland. Nur noch ein bisschen krasser.

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