Ein Schandfleck der schottischen Geschichte

„Hier ist vor ein paar hundert Jahren etwas sehr Trauriges passiert“, erklärt die Busfahrerin mit schottischem Akzent, während sie uns durch Glencoe kutschiert. Das schroffe Tal in den Highlands ist wegen seiner felsigen Bergwände einer der bekanntesten Orte Schottlands. Doch Touristen wissen oft nicht, dass  Glencoe stiller Zeuge eines dunklen Kapitels der schottischen Geschichte ist.

Rob Roy, Harry Potter, James Bond… Unzählige Protagonisten bekannter Streifen haben sich schon in die Highlands aufgemacht – und Schottland auf die Kinoleinwände dieser Welt gebracht. In der zerklüfteten Berglandschaft liegt eine mystische Stimmung, wie man sie sonst nirgends findet. Gewaltig und atemberaubend sind sie, die Highlands, manchmal auch karg und trostlos, vor allem im Winter. In dieser Jahreszeit hat sich im Glencoe einst ein Drama abgespielt, das ohne Drehbuch auskam…

Aufmüpfige Highlander

Sommer 1691. Wilhelm von Oranien wird neuer König der britischen Inseln. Doch die Schotten wollen sich nicht von London vorschreiben lassen, wer sie regiert. Viele schottische Clans rebellieren, doch der König lässt die Aufstände niederschlagen. Er will für „Ruhe in der Kiste“ sorgen und die Clans zu Loyalität verpflichten.

Sein Plan: Die Clans, deren Chiefs bis zum 1. Januar 1692 einen Treueeid auf ihn, den neuen Herrscher, ablegen, bekommen Straffreiheit für die Aufstände zugesichert. Während viele der Clans dem Aufruf sofort folgen, zeigen sich andere aufmüpfig und warten erst einmal ab, was passiert. So auch Alstair MacDonald, Chief der MacDonalds von Glencoe.

Erst einen Tag vor Ablauf der Frist zieht er sich endlich den hoffentlich warm gefütterten Schottenrock an und reist durch die bittere Winterkälte nach Fort William. Dumm nur, dass sich dort keiner als zuständig erweist. Alstair MacDonald wird lediglich nach Inveraray verwiesen, samt Schutzbrief, der belegt, dass er rechtzeitig in Fort William war. Irgendwie naheliegend, dass ihm der nicht mehr viel hilft. Denn zu spät ist zu spät, findet der König…

Der König beauftragt den Clan der Campbells

Er befiehlt dem Campbell Clan, sich mit 120 Mann unter einem Vorwand bei den MacDonalds in Glencoe einzuquartieren. Zwei Wochen lang lassen sich die Campells bewirten, genießen die Gastfreundschaft. Die Stimmung zwischen den beiden eigentlich verfeindeten Clans ist ausnahmsweise gut. Am 11. Februar dann die Wende. Der Chief der Campbells, Robert, erhält vom König den Auftrag, alle MacDonalds unter 70 Jahren umzubringen.

Den Abend lässt man bei einem Kartenspiel ausklingen, doch das Erwachen am nächsten Morgen ist fürchterlich. Die Campbell-Soldaten richten ein Blutbad an, verschonen nicht eimmal Frauen und Kinder. Wer fliehen kann, erfriert später in den Bergen. Rund 80 Menschen kommen ums Leben. Die Beliebtheit Wilhelms sackte nach dem Gemetzel ins Bodenlose, trotzdem wurde er nie schuldig gesprochen.

Bis heute gilt das Massaker von Glencoe als Schandfleck der schottischen Geschichte. Nicht nur wegen des Verbrechens selbst. Sondern vor allem, weil die Campbells das Gastrecht schändlich missbraucht haben. Dabei, und das weiß jeder Schotte, ist das Gastrecht heilig, das gilt bis heute.

Die Geschichte (die kein Märchen ist!) sorgt bei Touristen auch heute noch für Gänsehaut. Das mag daran liegen, dass die karge Kulisse der Highlands irgendwie doch ganz gut zu dem Drama passt. Immerhin hat es Glencoe den Beinamen „Tal der Tränen“ verschafft. Traurig ist hier heute aber niemand mehr. Die Menschen kommen zum Wandern, Mountainbiken und Skifahren – und schmunzeln über Schilder an den Hotels, auf denen steht „No Campbells!“

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3 Gedanken zu “Ein Schandfleck der schottischen Geschichte

  1. Gut zusammengefasst – aber ich glaube, hier ist Dir ein Fehler unterlaufen:

    „Der Chief der Campbells, Robert, erhält vom König den Auftrag, alle Campbells unter 70 Jahren umzubringen.“ Müsste es nicht eher „alle MacDonalds‘ unter 70 Jahren“ heißen? Ein Campbell hätte doch bestimmt keinen anderen Campbell auf Geheiß des Königs umgebracht?

    Die einzige Erinnerung, die ich an den Namen Campbell habe, war eine Übernachtung in einem B&B in der Nähe von Inveraray.

    LG
    Ulrike.

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